Das Tillern

Tillern wird der Prozess genannt, den Bogen so zu verjüngen, dass sich eine gleichmäßige Biegung ergibt.

Um die Biegung kontrollieren zu können, wird der Bogen auf einem Tillerbrett mit einer langen Sehne (Tillersehne) aufgespannt. Als Tillersehne eignet sich jede stabile, nicht zu dicke Schnur, auch ein Drahtseil mit Kunststoff-Isolation leistet gute Dienste. Mit einem Stift markiert man die steifen Bereiche der Wurfarme. Wichtig ist auch das Markieren zu weicher Stellen, die vorerst nicht weiter bearbeitet werden dürfen.

Einen guten Anhaltspunkt bieten die Jahresringe, die auf dem Bauch des Bogen gleichmäßig auslaufen sollten.

Der Bogen darf auf dem Tillerbrett nur so weit gespannt werden, bis sich die ersten Ansätze von Ungleichmäßigkeiten zeigen. Jeder Arm für sich soll eine gleichmäßige Biegung aufzeigen und beide Arme müssen auf die gleiche Stärke getillert werden. Um die Stärke der Wurfarme abgzugleichen verbindet man die beiden Nocken des auf dem Tillerbrett aufgespannten Bogens mit einem Faden und misst den Abstand zwischen Wurfarme und Faden am höchsten Punkt. Sind die Wurfarme gleich lang sollten auch die Abstände gleich groß sein. Da der obere Wurfarm meistens länger ist, darf sich dieser auch ein wenig weiter durchbiegen.

Für die Kontrolle der Biegung hilft nur ein gutes Augenmaß - ist man sich nicht sicher fragt man irgend jemanden. Wenn man über eine längere Zeit mit dem Tillern beschäftigt ist verliert man leicht das Gefühl für die Biegung, dann ist es Zeit für eine Pause.

Euer Rohling wird sich beim Tillern verändern. Er wird (zumindest ein wenig) "Set" bekommen. Set kommt aus dem englischen von "setzen" - das Holz setzt sich in Position, d.h. der Bogen wird sich in Richtung der Sehne biegen. Erst wenn der Bogen sich "gesetzt" hat zeigt er auf dem Tiller die entgültige Biegung. Lasst euch Zeit beim Tillern, arbeitet mit dem Bogen (zieht ihn oft leicht aus) und lasst ihn auf dem Tiller für eine Weile stehen. Lasst den Bogen nie auf dem Tiller, wenn ein deutliches Ungleichgewicht der Arme oder der Ansatz eines Knickes zu sehen ist. Der Bogen wird sich an dieser Stelle, aufgrund der hohen Belastung, sofort (binnen 30 Sekunden ) stark setzen und den Knick für immer beibehalten. Bleibt der Bogen noch länger auf dem Tiller, setzt sich die Stelle weiter und bricht. Ein Bogens verändert sich solange er benutzt wird. Ist er gleichmäßig gearbeitet, setzen sich alle Stellen gleichermaßen und der Tiller bleibt erhalten. Ist eine Stelle weicher, setzt sich diese stärker als der Rest und es ist eine Frage der Zeit wann der Bogen bricht.

Die unterschiedlichen Bogentypen (Langbogen und Flachbogen) werden unterschiedlich getillert:

Der Langbogen kann wahlweise im Griff steif sein, oder sich über seine gesamte Länge biegen. Die Biegung ist gleichmäßig vom Griffansatz bis kurz vor die Nocke. Bei sehr starken Bögen empfiehlt es sich, mit einer Wickelnocke zu tillern und später eine Horn-Nocke zu befestigen. Die Gefahr, dass eine Holznocke ausbricht und den Rohling ruiniert ist zu groß.

Der Flachbogen hat einen steifen Griffbereich und kann sich, da er breit und dünn ist, schon kurz nach dem Griff stark biegen. Die Wurfarme nehmen eine gleichmäßige Biegung an. Oft wird ein steifes Stück als Hebel vor der Nocke gelassen.

Das Tillern wird solange fortgesetzt, bis der Abstand von Griff bis zu einer Schnur welche die Nocken verbindet mindestens 20 cm beträgt. Diese 20cm benötigen wir, um die Sehne mit ausreichend Standhöhe aufziehen zu können. Die Standhöhe ist der Abstand der Sehne zum Griff. Ein altes Maß für die Standhöhe ist die eigene Hand mit aufgerichtetem Daumen was ca. 15-18cm entspricht.

Diese Standhöhe benötigt man, damit die Federn des Pfeil zwischen Sehne und Griff passen und die Sehne nicht an den Unterarm schlägt. Man sagt, dass eine höhere Standhöhe einen besseren Abschuss ermöglich.

Wenn das erste mal die Sehne aufgezogen wird - der Rohling zum Bogen wird - ist das ein kritischer Moment. Diese Prüfung hat so mancher Rohling nicht überstanden, deshalb nachfolgend ein paar Tips zu diesem heiklen Vorgang:

  1. Zieht den Bogen mehrfach vorher auf die gewünschte Biegung aus.
  2. Spannt ihn 30 Minuten oder 1 Stunde auf den Tiller.
  3. Achtet darauf, dass euer Rohling nicht zu kalt ist.
  4. Das Biegen soll langsam und gleichmäßig vonstatten gehen. Das kann schwierig sein, wenn der Bogen stark werden soll.

Nachdem der Bogen auf Standhöhe gebracht wurde wird er nochmals getillert.

Das entgültige Tillern wird jedoch nur bis zu ¾ des gewünschten Auszugs durchgeführt. Der Auszug wird gemessen, indem man den Bogen (ohne Sehne) und einen Pfeil in die Hand nimmt und so tut als würde man den Pfeil schiessen wollen. Am weitesten Punkt des Auszugs wird der Pfeil markiert, dann kann man in Ruhe an dem Pfeil den Auszug ablesen (der Auszug liegt in der Regel zwischen 24" und 29" oder 61 bis 74cm) .

Der Bogen sollte niemals mit dem vollen Auszug auf das Tillerbrett gespannt werden. Belasst es bei ¾ des Auszugs und kontrolliert diesen nach dem Schiessen. Ist der Tiller auch nach dem Schiessen noch perfekt, kann er weiter ausgezogen werden - solange bis er den vollen Auszug erreicht hat.
Ansonsten läuft der Bogen Gefahr sich stark zu setzen oder durch zu gut gemeintes Tillern zu schwach zu werden.

Nachfolgen noch einige Bilder zum Thema Tillern:

Diser Bogen war seiner Besitzerin anfäglich zu stark (55 Pfund bei 27" Auszug (67,5 cm) ) und wurde zweimal nachgetillert. Die Zugkraft beträgt jetzt 45 Pfund. Durch diesen wiederholten Prozess ist ein wunderbarer Tiller entstanden. Der gute Tiller, die in Bezug auf die Länge des Bogens mäßige Zugraft und die breiten Bogenarme erlauben es, diesen Bogen mit 22" (56cm) Auszug auf das Tillerbrett zu setzen.

Guter Tiller eines Hickory Langbogen

Dieser Flachbogen ist "umgekehrt" gebaut - die Aussenseite des Stammes, aus dem er gefertigt ist, liegt innen. Deshalb ist der Griff und die Nocken erhaben. Die Biegeung ist bei beiden Wurfarmen in einem kurzem Bereich sehr stark. Nahe den Nocken sollte er nachgetillert werden. Da die Wurfarme sehr breit sind (5cm) bricht er auch bei schlechtem Tiller nicht.

Dieser Bogen aus Eberesche mit Nocken aus Geweih hat sich sehr stark gesetzt. Der rechte Wurfarm wurde aus dem Tiller gezogen. Der linke Arm muss deshalb dringend nachgetillert werden.